Im New Yorker Stadtteil Queens, am nordöstlichen Ende des Socrates Sculpture Parks, setzt sich am Samstag den 19. September 1998 der New Yorker Bildhauer Ward Shelley auf einer hölzernen Plattform zusammen mit den beiden Mitreisenden William R. Kaizen (New York, Kunsthistoriker und Kurator) und Ole M. Olaussen (Norwegen, Schriftsteller und Bergsteiger) in Bewegung. Ziel ist das südöstliche Ende des Skulpturenparks. Die zu überwindende Strecke, entlang dem Ufer des East Rivers, die malerische Skyline von Manhattan vor Augen, beträgt gut 200 Meter. Die Reisezeit soll eine Woche möglichst nicht überschreiten (Nahrung und Wasser reichen für max. neun Tage)! Das Vehikel der Reise, die Voyage Platform, besteht aus neun senkrechten Stelzenelementen und zwei zerlegbaren Flächen dazwischen. Die einzelnen Elemente werden hinten ab- und von den Akteure vorne wieder angebaut. So bewegt sich die Plattform voran, wenn auch langsam und beschwerlich. Oberstes Gebot während der gesamten Reise ist, daß keiner die Plattform verlassen darf. Der Boden ist tabu. D.h., die fortwährende Montage und Demontage muß mindestens aus 3,60 Meter Höhe bewerkstelligt werden. Geschlafen wird auf dem »Oberdeck« in Zelten. Das Equipment, Werkzeug, Kleidung, Nahrung und eine Campingtoilette wandern auf dem »Zwischendeck« mit. Das benötigte Trinkwasser wird in einem Faß auf Rädern hinter der Plattform hergezogen. Gegen die Unbillen des New Yorker Nachtlebens schützt eine Alarmanlage mit Bewegungsmelder (die während der ganzen Zeit nur zweimal ausgelöst wird: einmal von einem streunenden Hund, das zweite Mal von einem heftigen Gewitter).
Ward Shelleys aktive Projektvorbereitungen beginnen 1998 mit dem Zusammenstellen einer Crew. In Anlehnung an vier populäre Comic-Helden der 50er Jahre (Challengers of the Unknown) versucht er einen "Gefährten" mit braunen Haaren (Kaizen), einen Blonden (Olaussen) und einen Schwarzhaarigen um sich (= rothaarig) zu versammeln. (Da niemand mit schwarzem Haar für das Projekt zu gewinnen ist, wird das vierte Crewmitglied schließlich von einer lebensgroßen Puppe repräsentiert.) Shelley beginnt die Architektur der Plattform am Computer zu entwerfen, umfangreiche Checklisten zu erarbeiten und legt eine dezidierte Tagesordnung und Aufgabenverteilung fest: Der "Skipper" ist verantwortlich für die Navigation, die Sicherheit auf der Plattform und die Fortbewegung. Der "Quatiermeister" hat sich um den Proviant, die medizinische Versorgung und die Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern, während der "Waffenmeister" auf die Disziplin, die Sauberkeit und den ordnungsgemäßen Zustand des Werkzeugs zu achten hat. Der Arbeitsablauf wird während der Reise von den Tageszeiten bestimmt, mindestens acht Stunden Schlaf sind unverzichtbar. Eine virtuelle Bordbibliothek soll die Lieblingsbücher, Filme und Musik der Crew auf Karteikarten beinhalten. In einem Plattform-Bulletin sollen alle Ideen und Kommentare zur Reise sowie gute Witze festgehalten werden. Die Teilnahme am gemeinsamen Singen am Abend ist verpflichtend. Das Konsumieren von Alkohol in geselliger Runde wird geduldet, darf die Arbeitsleistung während des Tages jedoch nicht beeinträchtigen.
Die eigentliche "Expeditionsreise" quer durch den Park wird einige Tage vor dem Start mit einer rituell anmutenden Bootspartie eingeleitet. Die drei Reisenden steuern nacheinander jede der 12 unbewohnten Inseln im East-River an, um dort je eine individuell gestaltete Flagge zu hissen. Dieser Prolog zu Wasser darf nicht zuletzt als Hommage an die beiden größten Abenteurer des 20. Jahrhunderts, Roald Amundsen und Thor Hayerdal, verstanden werden. Der sich daran anschließende Lauf der Voyage Platform vom 19. bis 25. September 1998, der via Homepage und e-mails in alle Welt mit dem heroischen Ausruf eingeleitet wird: "When we next set foot on ground, we should be on the other side of the park. Thanks to everyone for support and kind words. Your Voyagers salute you!", gestaltet sich dann allerdings weniger romantisch und verklärt: Die zeitgleich stattfindende Skulpturenschau im Park macht nicht nur kleinere Kursänderungen, sondern sogar eine Neunziggradwende von Nöten, eine Navigation, für die die
       
Ward Shelley, Voyage Platform, 1998
Platform eigentlich nicht konzipiert ist. Desweiteren stellt sich die permanente Montage und Demontage der Plattform als arbeitsintensiver heraus als erwartet. Diverse Punkte des Tagesablaufs, wie z.B. die dreistündige Mittagspause, die zur Kontemplation, für vertiefende Gespräche und Notizen genutzt werden sollte, muß komplett gestrichen werden. An manchen (besonders kalten oder verregneten) Tagen wird selbst im Dunkeln weitergearbeitet, um das Tagespensum zu schaffen. Die Finger werden steif und kalt, die Oberfläche der Decks wird rutschig. Die Euphorie schwindet. Die Moral läßt in zunehmendem Maße zu wünschen übrig. Trotzdem ist das Ziel, das andere Ende des Parks, am Abend des 25. Septembers 1998 erreicht. (Drei Tage nach der glücklichen Landung wird die Plattform, die noch bis in den Dezember hinein Teil des Skulpturenprojekts bleiben sollte, wegen ihres nun ohne Besatzung und Ausrüstungsgegenstände erheblich leichteren Gewichts, von einem heftigen Windstoß in die Luft gehoben, gedreht und zerstört!)
Das Voyage-Platform-Projekt hat vielerlei bewegt. Es hat die Idee des (von Mark di Suvero 1985 ins Leben gerufenen) Skulpturenparks um einen aktionistischen Aspekt bereichert. Die Erfahrung von Raum und Zeit manifestiert sich hier nicht in einem plastischen Endergebnis, sondern in einer für die Besucher des Parks, die Anwohner, die Jogger, die, die ihren Hund ausführen oder die Kinder, die zur Schule gehen, ablesbaren Aktion. Über einen bestimmten Zeitraum ist die Plattform - morgens, wie abends und nachts - zu einem Bestandteil des Viertels geworden, ein soziales Vehikel, dessen Idee man im Gespräch mit der Crew in Erfahrung bringen kann.
Ward Shelley hat mit der Voyage-Platform sein bisher komplexestes Werk abgeliefert. Hatte er sich bislang damit begnügt, Gegenständen des Alltags per Motor und Mechanik ein vermeintlich eigenständiges Leben, ein die menschlichen Bewegungsabläufe imitierendes Dasein zu verleihen, so macht er sich hier (als Teil eines sozialen Gruppengefüges) selbst zum Antrieb der ansonsten toten Materie. Seine Objekte sind üblicherweise zum Scheitern verdammte Anthropomorphismen: Toaster, die verzweifelt versuchen am Griff einer Suppenkelle ein Regal zu erklimmen oder mit einem mechanischen Arm versehene Abfallbehälter, die sich mühen, aufzustehen, um schließlich doch nur mit lautem Knall auf den Boden zu fallen. Bei der Voyage-Platform dagegen ist weder der Rhythmus der Bewegung, noch der Erfolg oder Mißerfolg der Anstrengung vorbestimmt. Alles ist offen. Das Ding wird in ursächlicher Abhängigkeit von seinen Schöpfern gehalten, von denen der Verlauf der Mission maßgeblich abhängt. In New York ist das Ziel erreicht worden. Für den Juni 1999 ist Shelley vom Atelierhaus Mengerzeile eingeladen worden, mit der Voyage-Platform II den ehemaligen Todesstreifen in Berlin Treptow zu durchqueren: "When we next set foot on ground, we should be on the territory of the former DDR!"